Oral-History.Digital – Eröffnung und Workshop

Oral-History.Digital – Eröffnung und Workshop

Organisatoren
DFG-Projekt „Oral-History.Digital“ (oh.d), Freie Universität Berlin
PLZ
14195
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
25.09.2023 - 26.09.2023
Von
Andrea Althaus / Jon Kornell, Werkstatt der Erinnerung, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Oral-History-Interviews, insbesondere wenn sie lebensgeschichtlich geführt wurden, sind außerordentlich reichhaltig und bieten sich für Nachnutzungen und Re-Analysen an. Bisher mussten Forschende dafür viel Zeit, Geld und Geduld aufbringen, um die für ihre Forschung relevanten Interviews aus weit verstreuten (Präsenz-)Archiven oder privaten Sammlungen zusammenzutragen. Dies zu ändern, hat sich das DFG-Projekt „Oral-History.Digital“ (oh.d), das von 2020 bis 2023 lief und ab Oktober in einer zweiten Förderphase weitergeführt wird, zum Ziel gesetzt. Das Projektteam entwickelte ein Online-Portal, das eine sammlungsübergreifende Erschließungs- und Rechercheumgebung für Oral-History-Interviews bietet.1 Sammlungsinhaber:innen können hier ihre Interviewbestände hochladen, um sie für wissenschaftliche Forschungs- und Bildungszwecke online zur Verfügung zu stellen. Forschenden und Lehrenden ermöglicht das Portal, mehrere Sammlungen über einen zentralen Zugang zu durchsuchen und relevante Interviews für ihre Vorhaben zu finden. Das Release des Interviewportals von oh.d wurde am 25. und 26. September mit einer Eröffnungsveranstaltung und einem wissenschaftlichen Workshop gefeiert.2

Im ersten Panel präsentierte das Projektteam das Interviewportal in seiner Genese und aus unterschiedlichen Perspektiven. CORD PAGENSTECHER (Berlin) stellte einleitend fest, dass Oral-History-Interviews mit zunehmender Digitalisierung verstärkt als audiovisuelle Forschungsdaten verstanden werden. Als solche sollten sie den sogenannten FAIR-Prinzipien entsprechen, d.h. auffindbar, zugänglich, interoperabel und wiederverwendbar sein. Nachnutzungen von Interviews zu erleichtern, liegt dem Projekt Oral-History.Digital zugrunde. Neben praktischen Hinweisen, wie die Erschließungs- und Rechercheumgebung genutzt werden kann, thematisierte Cord Pagenstecher ethisch-rechtliche Fragen im Umgang mit Interviews, die zahlreiche sensible personenbezogene Daten enthalten. Zudem wies er auf die Gefahr der digitalen Dekontextualisierung hin, die aktuell in Oral-History-Kreisen diskutiert wird – also der Frage danach, was mit der komplexen Quelle Interview passiert, wenn sie losgelöst von ihren diversen konstitutiven Kontexten verwendet wird. 3 ALMUT LEH (Hagen), Leiterin des Archivs „Deutsches Gedächtnis“, hob zunächst das große Potential von oh.d hervor, etwa für Forschungsvorhaben, deren Fragen quer zu Archivbeständen verlaufen. Auffindbarer und zugänglicher zu sein, sei für Sammlungsinhaber:innen aber auch herausfordernd, weil die Ansprüche der Nutzer:innen mit den Rechten der Interviewten in Einklang gebracht werden müssten. Zudem sei die Aufbereitung archivierter Interviews aus heterogenen Beständen arbeits- und kostenintensiv. Das Zurückgreifen auf Tools wie die automatische Spracherkennung oder die Alignierung von Text und Ton, die über oh.d angeboten werden, bieten sich hier als Lösung an. Wie solche Dienste genutzt werden können, stellte FLORIAN SCHIEL (München) vom Bayerischen Archiv für Sprachsignale (BAS) in einer Videobotschaft dar. Zudem präsentierte er die Möglichkeit, Interviewbestände im BAS-Clarin-Repository, einem auf Sprachdaten spezialisierten wissenschaftlichen Repositorium, dauerhaft zu archivieren. Dafür müssen die Rechte geklärt, die Interviews transkribiert und die Sammlung abgeschlossen sein. Abschließend sprach ANDREAS HENRICH (Bamberg), der im oh.d-Team für das Management von Meta- und Normdaten zuständig ist, über die Möglichkeiten des Data Modeling Environments, das sich für Oral-History-Interviews besonders eigne, weil es Daten modellieren kann, die komplex, unterschiedlich strukturiert und sprachbasiert sind. Zudem stellte er die geocoding Software Nominatim vor, die auf OpenStreetMap-Daten basiert und über eine programmierte Schnittstelle in oh.d Orte, die in den Interviews erwähnt werden, kartografisch visualisieren kann.

Nach einer Diskussion über rechtliche Fragen sowie der Zusammenarbeit mit bereits existierenden Online-Plattformen im Bereich Oral History stellte DORIS TAUSENDFREUND (Berlin) das Projekt „Erlebte Geschichte“ vor, das anlässlich des 75-jährigen Gründungsjubiläums der FU Berlin im Dezember 2023 online geht. Präsentiert werden auf einer Webseite – chronologisch und thematisch sortiert – Auszüge aus 75 Interviews mit Hauptprotagonist:innen der Gründungsjahre. Auf oh.d sollen alle Interviews in vollständiger Länge aufrufbar sein. Tausendfreund berichtete, dass es schwierig gewesen sei, Menschen aus den unteren Hierarchieebenen oder weiblich zugeordnete Personen zu finden, die bereit waren, Interviews zu geben.

Zum Abschluss des ersten Tages besuchten die Teilnehmenden das in den letzten Jahren immer wieder in der Kritik stehende Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, das als Pilotnutzer das Interviewportal erprobt hat. BARBARA KUROWSKA, die für die Interviewsammlung des Zentrums verantwortlich ist, diskutierte mit den Teilnehmenden den Einsatz und die Bedeutung von Oral History in der Ausstellung. Lebensgeschichtliche Erzählungen spielten, so Kurowska, vor allem bei der Konzeption eine Rolle. Sichtbar werden sie an einer Themeninsel, wo neun Interviewte als Vertreter:innen verschiedener Fluchtbewegungen zu Wort kommen. Während ihre Erzählungen hier für den musealen Einsatz in kleinen Häppchen und auf Hochglanz poliert serviert werden, ist eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Narrativen in all ihrer Komplexität im „Zeitzeugenarchiv“ des Dokumentationszentrums sowie neu auch auf oh.d möglich, wo die Interviews in ganzer Länge angesehen werden können.

STEPHEN NARON (New Haven) eröffnete am zweiten Tag den Workshop. Er ist der Direktor des 1979 gegründeten Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, das an der Yale University Library angesiedelt ist und ca. 4.400 Interviews mit Überlebenden der Shoah umfasst. Am Beispiel zweier digitaler Projekte („Let them speak“ sowie „Critical Editions“) zeigte Naron, welche Schritte das Archiv unternimmt, um zugleich alte Überzeugungen hochzuhalten und die Vorteile neuer Technologien zu nutzen. So würden beispielsweise Algorithmen so programmiert, dass sie Schweigen nicht erkennen können, um das am Fortunoff etablierte Recht auf Schweigen weiterhin zu gewährleisten. Sein Plädoyer dafür, der Technik bewusst Grenzen zu setzen, wurde in der Diskussion mehrheitlich als wertvoller Impuls aufgenommen.

Im Anschluss daran stellten vier Pilotarchive – die WERKSTATT DER ERINNERUNG (Hamburg), die ORAL-HISTORY-FORSCHUNGSSTELLE (Erfurt), die LWL-MUSEEN FÜR INDUSTRIEKULTUR (Dortmund) sowie die GEDENKSTÄTTE GESTAPOKELLER UND AUGUSTASCHACHT (Hasbergen) – als Vertreter:innen der Working-Group, die an der Entstehung des Portals mitgearbeitet haben, ihre Portalbereiche vor. Dabei wurde deutlich, wie vielfältig oh.d genutzt wird. So ist es beispielsweise möglich, nur Metadaten zur Verfügung zu stellen oder die Interviews in Gänze erschlossen zugänglich zu machen. Alle Pilotarchive sehen in oh.d die Chance der erhöhten Sichtbarkeit und besseren Auffindbarkeit. Ein niedrigschwelliger und vereinfachter Zugang zu den Interviews stellt alle Sammlungsinhaber:innen jedoch auch vor rechtliche und ethische Fragen, da es sich bei lebensgeschichtlichen Interviews um sensible Quellen handelt, bei denen Datenschutz, Urheber- und Persönlichkeitsrechte zu beachten sind. Diskutiert wurden die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Führen, Auswerten und Archivieren von Interviews sowie der Rolle von oh.d dabei. Das Portal setzt zwar neue Standards, die aber dank der engen Zusammenarbeit der verschiedenen Oral-History-Archive gemeinsam gefunden und diskutiert werden. Die Working-Group wird weiterhin über die nächsten drei Jahre einen Raum für Austausch und die weitere Entwicklung des Interviewportals bieten.

KATRIN MOELLER (Halle-Wittenberg) stellte in einem Input NFDI4Memory vor, eines von 27 Konsortien zur Entwicklung einer Nationalen Forschungsdateninfrastruktur. Das Konsortium 4Memory repräsentiert die historisch arbeitenden Disziplinen. In verschiedenen Task Areas beschäftigt sich das 4Memory-Team – im Austausch mit Historiker:innen verschiedener Spezialisierungen – mit Fragen der Qualität, Normierung, Visualisierung und Validierung von geschichtswissenschaftlichen Forschungsdaten. Oh.d als digitale Pionierin zur Nachnutzung von audiovisuellen Forschungsdaten ist dabei wichtiger Use Case.

Im letzten Panel standen Fragen der Sekundäranalyse von Interivews im Fokus. Einführend reflektierte LINDE APEL (Hamburg) den Begriff der Sekundäranalyse, den sie als Auswertung von Interviews in einem anderen Zusammenhang als dem Entstehungskontext definierte. In der deutschsprachigen Oral History habe der Begriff erst spät Einzug gehalten, was wohl damit zusammenhänge, dass es für Historiker:innen alltäglich sei, Quellen stets aufs Neue zu analysieren. Der Begriff sei zudem missverständlich, weil archivierte Interviews, die zu Dokumentationszwecken geführt wurden, gar nie „primär“, dafür ggf. mehrfach „sekundär“ analysiert wurden. Sie plädierte dafür, sich vom Begriff der Sekundäranalyse zu verabschieden und wieder schlicht von Quellenkritik zu sprechen. Denn sowohl bei der ersten wie auch bei erneuten Analysen würden Oral Historians die Interviews auf die Bedingungen ihrer Entstehung und in ihren diversen kontextuellen Gebundenheiten kritisch reflektieren.

Nach diesem methodologischen Input gaben CORDIA SCHLEGELMILCH (Berlin) und CLEMENS VILLINGER (London) Einblicke in die praktische Zusammenarbeit zwischen „Primärforscherin“ und „Sekundäranalysten“. Denn Villinger hatte für seine Dissertation – über Konsum und Alltag in der Transformationszeit in Ostdeutschland – Interviews aus Schlegelmilchs „Wurzen-Studie“ untersucht. Die Soziologin und Fotografin hatte in den frühen 1990er-Jahren zahlreiche biografische Interviews mit Bewohner:innen der Kreisstadt Wurzen zu ihren Wende- und Nachwende-Erfahrungen geführt. Da diese Interviews noch nicht archiviert waren – zukünftig werden sie im Archiv „Deutsches Gedächtnis“ sowie auf oh.d nachnutzbar sein –, erforderte dies eine persönliche Zusammenarbeit. In ihrem Vortrag berichteten beide von anfänglicher Skepsis und Unsicherheit, die es zu überwinden galt, von der Wichtigkeit eines offenen (Wissens-)Austauschs und vom großen Arbeitsaufwand bei der Erschließung privat archivierter Interviews für eine erneute Verwendung.

PHILIPP BAYERSCHMIDT (Erlangen) und DENNIS MÖBUS (Hagen) stellten danach das Konzept des Topic Modelings am Beispiel des Themenschwerpunktes Migration vor. Topic Modeling ist eine quantitative Methode, die darauf zielt, aus einem großen Datenkorpus ein handhabbares Sample für die weitere (qualitative) Bearbeitung zusammenzustellen. Interviews werden dabei automatisiert nach semantischen Zusammenhängen durchsucht. Worte, die überdurchschnittlich häufig in einem Zusammenhang genannt werden, werden zu „Topics“ zusammengefasst. Die daraus entstehenden Wortgruppen können dann thematisch zugeordnet werden. Neben Vorteilen wie dem Erkennen von Mustern und der Strukturierung großer Datenmengen thematisierten Möbus und Bayerschmidt auch verschiedene Probleme und Fehlerquellen, die dieses Verfahren aufweist.

Insgesamt hat die gut besuchte Tagung gezeigt, wie groß das Interesse und der Bedarf an einer sammlungsübergreifenden Erschließungs- und Rechercheplattform ist, aber auch wie wichtig es ist, neue technologische Möglichkeiten im Bereich Oral History zu reflektieren und zu diskutieren. Denn mit der Digitalisierung verändern sich gegenwärtig die Voraussetzungen in der Produktion, Auswertung, Archivierung, Vermittlung und Nachnutzung von mündlichen Quellen in hohem Maße. Einige der damit verbundenen methodologischen, rechtlichen und technischen Fragen wurden auf der Tagung aufgeworfen. Anknüpfungspunkte für zukünftige vertiefende Diskussionen sind zum einen die Vor- und Nachteile eines verstärkt quantitativen Zugangs bei einer Quelle, die bisher vorwiegend qualitativ analysiert wurde. Zum anderen sollten forschungsethische Überlegungen im Blick behalten werden. Was bedeutet es, wenn Interviews, die in einer vertrauensvollen Atmosphäre aufgenommen wurden, mit wenigen Klicks online verfügbar sind und zu großen Samples zusammengefügt und jenseits ihres Entstehungskontextes analysiert werden können? Dass die Tagung nicht das Ende, sondern der Anfang eines weiteren Austauschs ist, ist der Anspruch vom oh.d-Folgeprojekt. Darin können sich Institutionen und Personen, die Quellen aus dem Bereich der Oral-History erheben, archivieren und digital aufbereiten, weiterhin vernetzen, kooperieren und gemeinsam Chancen und Herausforderungen digitalisierter Oral History diskutieren. Dass es sich lohnt, digitale Fragen, die die Oral History schon länger beschäftigt, im analogen Raum zu besprechen, haben die lebendigen und mitunter kontroversen Diskussionen der Releasetagung gezeigt.

Konferenzübersicht:

Günter Ziegler (Berlin) / Andreas Brandtner (Berlin): Begrüßung und Grußworte

Cord Pagenstecher (Berlin) / Almut Leh (Hagen) / Andreas Henrich (Bamberg) / Florian Schiel (München): Oral-History.Digital. Interviewportal – Erschließungsplattform – Forschungsumgebung
Moderation: Susanne Freund (Potsdam)

Doris Tausendfreund (Berlin): Erlebte Geschichte. Eine Oral History der Freien Universität Berlin

Abendveranstaltung im Dokumentationszentrum „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ Berlin:
Barbara Kurowska (Berlin): Zeitzeugeninterviews in der Ausstellung. Führung und Gespräch

Stephen Naron (New Haven): Das Fortunoff Video Archive of Holocaust Testimonies zwischen empathischem Zuhören und digitaler Technologie

Die Vielfalt der Pilotarchive. Ein Rundgang durch das Interviewportal mit Sammlungsinhaber:innen und Partnerinstitutionen. Moderation: Cord Pagenstecher (Berlin)

Katrin Moeller (Halle an der Saale): NFDI4Memory – Nationale Forschungsdateninfrastruktur und Oral History

Linde Apel (Hamburg): Oral History und Sekundäranalyse. Eine Einführung

Cordia Schlegelmilch (Berlin) / Clemens Villinger (Berlin): Die lange Geschichte der Wende. Oral-History-Interviews in Primär- und Sekundärforschung

Philipp Bayerschmidt (Erlangen) / Dennis Möbus (Hagen): Migrationserfahrung. Oral History und Topic Modeling

Anmerkungen:
1 Entwickelt, aufgebaut und erprobt wurde das Interviewportal von Forschenden aus sechs Institutionen: Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin, Archiv Deutsches Gedächtnis der FernUniversität in Hagen, Werkstatt der Erinnerung an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der Universität Erlangen-Nürnberg, Bayerisches Archiv für Sprachsignale an der LMU München, Lehrstuhl für Medieninformatik an der Universität Bamberg. Finanziert wird das Projekt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft im Förderprogramm „e-Research-Technologien“. Erste Förderphase 2020-2023, zweite Förderphase 2023-2026. Die aufgebaute Plattform wird von der FU Berlin betrieben. Vgl. die Projektwebseite: https://www.oral-history.digital/projekt/index.html (26.9.2023).
2 Eine Aufzeichnung des Live-Streams der Veranstaltung findet sich hier: https://www.oral-history.digital/eroeffnung/aufzeichnungen/index.html (20.11.2023).
3 Zur Frage der digitalen Kontextualisierung vgl. Linde Apel / Almut Leh / Cord Pagenstecher, Oral History im digitalen Wandel. Interviews als Forschungsdaten, in: Linde Apel (Hrsg.), Erinnern, erzählen, Geschichte schreiben. Oral History im 21. Jahrhundert, Berlin 2022, S. 193-222, hier: 221f.

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